Isigami im Magazin Handmade Kultur

In der Januar/März 2013 Ausgabe des Magazin Handmade Kultur hat  Helene Roolf  ( 36, ist  Kunsthistorikerin in Hamburg. Für HANDMADE KULTUR geht sie bei ihren Recherchen aufs Ganze. ) ein Artikel über "Isigami" veröffentlicht.

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Hier ist der Artikel über Ismet Apaydin und sein Papier-Faltkunst "Isigami" : 


Ismet Apaydin tigert im „Hamburger Gang“, dem Flur zwischen Alt- und Neubau der Hamburger Kunsthalle, hin und her. Er ist allein, es ist ruhig, keine Besucher, denen er den Weg zu den Sonderausstellungen, dem Buchshop oder den Toiletten weisen könnte. Niemand, dessen Eintrittskarte er kontrollieren müsste. In der Hand hält der Museumsaufseher nur die Abrisse der Eintrittskarten, die er bei nächster Gelegenheit in den Papierkorb schmeißen könnte. Aber Herr Apaydin, der immer handwerklich tätig gewesen war, bevor er 2000 als Teilzeit-Aufsicht in der traditionsreichen Kunstinstitution anfing, beginnt zu basteln. Im Stehen, ohne Unterlage und Werkzeuge, knickt, faltet und rollt er die rechteckigen Papierstreifen. Keiner beobachtet den heute 56-Jährigen bei der Geburtsstunde seiner ganz eigenen Faltkunst, dem Isigami, eine Wortschöpfung aus Origami und Ismet, dem Vornamen ihres Erfinders.

Das erste vorzeigbare Isigami-Objekt ist ein kleiner, weißer Würfel. Damit hatte Ismet Apaydin im Kleinen das geschaffen und nachgebildet, was ihn 2007 an seinem Arbeitsplatz gerade umgab: den schwarzen „Cube Hamburg“ von Gregor Schneider, den dieser zur Ausstellung „Hommage an Malewitsch“ auf dem Plateau der weißen, kubusförmigen Galerie der Gegenwart realisiert hatte. „Der Falter“, wie Herr Apaydin mittlerweile von Besuchern der Kunsthalle genannt wird, faltete und schob dafür die weißen Rückseiten der Abrisse mit ihren kleinen, schwarzen Druckstreifen so gezielt ineinander, dass sich nach und nach ein schwarzes Quadrat auf einer Würfelseite abzeichnete. Den Würfel schenkt der Isigamist bei einer Begegnung dem Projektleiter der Ausstellung, Felix Krämer. Der ist erstaunt über das filigrane Objekt: „Oh, was ist das?“ – „Das schwarze Quadrat und der weiße Kubus.“ – „Wie haben Sie das denn gemacht?“ – „Mit Papierschnipseln.“ – „Nicht geklebt?“ – „Nein, das habe ich gefaltet.“ – „Dann müssen Sie mir das signieren!“ Das papierne Kleinod erregt auf dem Schreibtisch des Projektleiters die Aufmerksamkeit des Museumsdirektors Hubertus Gaßner, der sich ebenfalls interessiert zeigt. Kein Problem, Herr Apaydin faltet kurzerhand auch ihm einen weißen Miniatur-Kubus, wie er in den nächsten Jahren alle seine Kreationen verschenkt, die am heimischen Esstisch außerhalb der Arbeitszeiten zum Teil auf Wunsch von Kollegen („Isi, machst du mir ein Auto, einen Vogel, eine Katze?“) entstehen. 2011 würdigt die Hamburger Kunsthalle ihren ebenso fingerfertigen wie einfallsreichen Mitarbeiter mit einer eigenen Ausstellung: 150 Isigami-Objekte vom Krebs über den Hund bis zur Spinne und ganze Spielplatzszenen tummeln sich in den Glasvitrinen. Die Figuren, alle hergestellt aus den Resten von Kunsthalleneintrittskarten, sind über vier Monate in der Rotunde des Museums zu bestaunen – länger als jede normale Ausstellung, wie Ismet Apaydin stolz erzählt. Seine Werke sind durchaus so angelegt, dass man sie anfassen oder, wie bei der springenden Kröte, mit ihnen spielen kann. Die rechteckigen Kartenabrisse, die seine Kollegen für ihn horten, bestehen aus 180 Gramm schwerem Papier, sind damit also deutlich schwerer und strapazierfähiger als traditionelles Origamipapier.

 In den letzten Monaten sind seine Objekte raumgreifender und komplexer geworden. Ganze Architekturen wie zuletzt eine Tempelanlage mit veränderbaren Bauteilen hat die Museumsaufsicht aus Hunderten flacher Isigami-Bausteine konstruiert, die immer aus drei Abrissen bestehen. Ihm schwebt eine ganze Isigami-City vor, einzig das Platzproblem wäre bei diesem Großprojekt noch zu lösen. Es sind besonders die jüngeren architektonischen Arbeiten, die eine Brücke zurück in Kindheit und Jugend des Ismet Apaydin aus Ankara schlagen. Schon als Kind malte und zeichnete er, schnitzte sich sein Spielzeug selber und konstruierte aus Steinen und Ästen seine ersten architektonischen Visionen – Architekt zu werden war sein Berufswunsch. Mit Glück ergattert er einen Studienplatz im Fach Architektur in Ankara, studiert wegen der politischen Wirren allerdings nur zwei Semester. Das politische Chaos hatte schon während des Studiums dessen Qualität beeinträchtigt: Selbst Cutter, die man in seinem Lieblingsfach Modellbau benutzt, durften nicht mit in den Unterricht genommen werden. Noch vor dem Militärputsch in der Türkei 1980 landet der 24-Jährige in Hamburg, doch die Fortsetzung des Architekturstudiums scheitert an der deutschen Bürokratie, die ihn wie ein Pingpongball hin- und herschickt und zuletzt im Regen stehen lässt. Ismet Apaydin, der von sich sagt, dass er ein anpassungsfähiger Mensch und mittlerweile „mehr Hamburger als Türke“ sei, ist heute nach Jobs in der Gastronomie, mit Chemikalien und Asbeststaub außerordentlich froh, in der Hamburger Kunsthalle angestellt zu sein. Manchmal kommt er sogar, wenn er gar nicht arbeiten muss: „Ich bin gern hier, das ist mein zweites Zuhause“, sagt ISI und lacht.